Fake News im Nervensystem - wie wahr ist unsere Wahrnehmung?

In 2015 gab es in den sozialen Medien Aufregung über die Farben eines bestimmten gestreiften Kleides. Eine Social-Media-Seite erhielt zu diesem Zeitpunkt bis zu 14.000 Aufrufe pro Sekunde. Zwei Drittel der Menschen sahen das Kleid als weiß und gold, der Rest als blau und schwarz (siehe #dressgate).

 

Neuro-Wissenschaftler erforschten die Gründe für die unterschiedlichen Wahrnehmungen. Eines der  Ergebnisse war, dass das Sehen ein zweiteiliger Prozess ist. Zuerst erhalten wir visuelle sensorische Informationen. Dann interpretiert unser Gehirn die Informationen unter Bezugnahme auf frühere Erfahrungen und Annahmen und ordnet diese ein.

 

1953 beschrieb der Philosoph Ludwig Wittgenstein dieses Phänomen mit einem einfachen Bild, der Kaninchen-Ente. Je nachdem, wie man es betrachtet, kann es entweder als Ente oder als Kaninchen erscheinen.

Ente Kaninchen

Unbewusste Wahrnehmung bedeutet, „das ist ein Kaninchen“ zu sagen, während bewusste Wahrnehmung bedeutet, „jetzt sehe ich es als Kaninchen“ zu sagen. Aus offensichtlichen Fakten kann es also ziemlich gegensätzliche Schlussfolgerungen geben. Und diese Schlussfolgerungen können beide richtig sein.
Warum ist die Wahrnehmung von Individuum zu Individuum so unterschiedlich? Dies hat mit der Funktionsweise unseres Nervensystems zu tun. Alle Informationen, die wir über die Welt erhalten, werden von unseren Sinnesorganen entgegengenommen und ans Gehirn gesendet. Die Neurowissenschaft sagt nun, dass das Gehirn sich nicht dahingehend entwickelt hat, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist.


 

Vielmehr sehen wir die Welt so, wie es für uns in der Vergangenheit nützlich war. Das Nervensystem jedes Menschen interpretiert Informationen also sehr individuell, abhängig von früheren Erfahrungen und den aktuellen Interessen. Wahr ist, was wir für wahr halten wollen.

Die Frage ist nur, sind wir bewusst genug, unsere eigene Deutung und Interpretation also solche zu erkennen oder halten wir diese für die einzige Wahrheit?

 

Wenn jeder  von uns seine Bewusstheit für sich selbst und die Art, seine eigene Wahrnehmung zu deuten, stärken könnte, würden wir sachkundiger, anpassungsfähiger und mitfühlender gegenüber uns selbst und anderen werden. Dieses Prinzip gilt auch für wichtigere Themen als Enten und Kaninchen. Wenn sich jeder Mensch bewusster wird, wird sich die Gesellschaft ebenfalls weiterentwickeln.

 

Als Lehrer für achtsame Bewegung arbeite ich daran, Menschen dabei zu helfen, sich körperlich besser zu spüren, ihre Bewusstheit zu stärken, Unterschiede klarer wahrzunehmen und fähig zu werden, zwischen Alternativen zu wählen. Durch bewusste Bewegung wird das Nervensystem intelligenter, die Füße stehen fester auf dem Boden, Körper und Geist werden flexibler und weniger gestresst. Dies ist ein wichtiger Baustein für eine weniger gestresste Gesellschaft, in der die Menschen ihre Umwelt auf achtsame Weise wahrnehmen und bereit sind zu akzeptieren, dass andere Wahrheiten existieren als die eigene. Transformation beginnt mit dem bewussten Individuum und seinem einzigartigen Nervensystem.

 

Ben Parsons

 

 

Bild zur Meldung: © pixabay.com

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