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Wie ich lernte, innere Leere zu füllen

Den meisten von uns in diesen Breitengraden geht es ziemlich gut. Wir können alles bekommen, was wir benötigen: Lebensmittel, Güter des täglichen Bedarfs, wir haben ein Rechtssystem und freie Wahlen. Nicht wenige können sich ein Eigenheim oder eigenes Auto leisten. Viele haben Familie oder pflegen soziale Beziehungen. Ganz allgemein gesehen, leben wir doch in Hülle und Fülle, oder? 

 

Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir alle tief in uns drin spüren, dass diese Form von Fülle nicht alles ist. Auch, wenn wir scheinbar alles haben, ist in vielen von uns auch ein Mangel. 

Bei mir bemerkte ich das, als ich vor 9 Jahren mit dem Rauchen aufhörte. Denn an die Stelle des Rauchens trat das Essen. Ich versuchte mit dieser Handlung, etwas auszugleichen. Das wurde so unangenehm und bestimmend für mein Leben, dass ich eine Freundin, die Heilpraktikerin ist, um Rat fragte. Sie sagte zu mir: „Wenn du dem Impuls zu essen, nicht nachgibst, was passiert dann?“

Als ich wieder eine Heißhungerattacke bekam, die rein gar nichts mit Hunger zu tun hatte, gab ich dem nicht nach, sondern setzte mich in einen Raum außerhalb der Küche und hielt inne. In diesem Moment, in dem ich dem Impuls, zu essen nicht nachgab, sondern aushielt, brach Traurigkeit in mir aus. Ich aß also, um diese Traurigkeit nicht fühlen zu müssen. 

 

 

Es gibt viele Strategien und Süchte, die wir meist unbewusst nutzen, um über ein bestimmtes Gefühl hinweg zu gehen. Beispielsweise konsumieren wir Dinge, die wir eigentlich nicht brauchen, trinken übermäßig Alkohol, arbeiten zu viel, hängen permanent an den digitalen Geräten, sprechen ununterbrochen oder sind andauernd mit irgendetwas beschäftigt. 

Ich glaube, dass wir damit nicht nur versuchen, einen Mangel auszugleichen, sondern so auch einen herstellen, wenn wir in diesen Strategien der “Glücksgefühlsproduktion” gefangen sind. Wir entfernen uns immer mehr von uns, je mehr wir im Außen sind und je weniger wir uns mit unserem Innenleben beschäftigen.

 

Eine Konsumgesellschaft befeuert diese Strategie, in dem uns suggeriert wird, wir müssten noch dieses und jenes haben, härter und besser arbeiten und parallel wie selbstverständlich perfekte Kinder großziehen. 

In diesem sogenannten Hamsterrad muss zwangsläufig ein Mangel entstehen, da wir den Kontakt zu uns verlieren. Dabei leben wir eigentlich in der Fülle.

 

Manchmal bemerke ich es noch an mir, dass ich esse, um mich voll zu fühlen. Das ist dem Gefühl der Fülle ganz ähnlich. Dann nehme ich mir (nicht immer konsequent) Zeit, um zu erfühlen, was ich gerade mit dem Essen überdecken möchte. In dem ich annehme was ist, hole ich mir die Fülle in mir zurück.

 

Katharina Höricke

 

 

Bild zur Meldung: © Alexander Schimmeck auf Unsplash

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