Frühlingserwachen

Die Arme waaiit auseinander ... und wieder zusammen. Und wieder waaaiiit ... und wieder zusammen. Ich stehe schwitzend und leicht übergewichtig im Gymnastiksaal der Klinik. Die junge und bestens trainierte Dame macht uns an der Stirnseite des Saals mit beneidenswerter Leichtigkeit die einzelnen, so einfach aussehenden Übungen vor. Für mich sind sie nicht einmal im Ansatz zu bewältigen. 

 

Nach dem Unfall ging es mir gar nicht gut. Becken gebrochen, Schulter gebrochen, diverse Prellungen über den Körper verteilt. Ich weiß nicht wie, aber glücklicherweise haben die Engel mein Gesicht verschont. Ich lag wochenlang im Bett, teils mit Gips, überwiegend mit Depression. Die Psychologin des Hauses hat an mir ganze Arbeit geleistet. Inzwischen bemerke ich immerhin schon den Frühling draußen, wie ein schönes Bild an der Wand. Heute nun endlich ist der Tag der Freiheit: Auf meine Krücken gestützt humple ich in den Rosengarten. Schluß mit Zimmer! Die Wochen im Bett waren ab dem Zeitpunkt meiner alleinigen Toilettengänge die Hölle. Toilette war ja schon nett, aber ich wollte mehr, ich wollte weiter, ich wollte raus.

 

Rose sitzt auf der Parkbank. Sie rollt inzwischen nur noch mit den Augen, wenn ich wieder ein scherzhaftes Sprüchlein über ihre Namensverwandtschaft zu ihrem Hobby zum Besten gebe. Rose liebt nämlich Rosen. In ihrem eigenen Garten hat sie eine ganz spezielle Sorte gezüchtet.

Ich lasse mich stöhnend auf die Bank sinken und atme erleichtert auf, als der Schmerz nachlässt. Rose sitzt mit geschlossenen Augen neben mir und schweigt. Ich überlege, sie anzusprechen, aber irgendetwas hält mich ab. Stattdessen lehne ich mich zurück und schließe ebenfalls die Augen.

 

Nach einer anfänglichen Leere spüre ich es plötzlich in einer unerwarteten Intensität: Sonnenstrahlen auf meinem Körper. Wo waren die vorher? Dort, wo ich winterlich verpackt bin, spüre ich sie nur diffus, so wie ein Streicheln über einer dicken Decke. Aber auf meiner Haut im Gesicht und auf den Händen scheint sie geradezu Brandmale zu hinterlassen. Mir wird bewusst, dass ich das Kommen des Frühlings dieses Jahr überhaupt nicht wirklich wahrgenommen habe. Da ist eine Lücke, eine Amnesie im Lauf der Jahreszeiten. Versteckt in Binden und Betonwänden gab es keinen Wandel. Alles war gleich: gleiche Temperaturen, gleiche Wände, gleicher Schmerz, gleiche Übungen.

 

Ich öffne langsam meine Augen, achtsam bemüht, dieses zarte Gefühl von Lebenserwachen nicht zu verscheuchen. Die Rosenpflanzen vor mir scheinen näher gerückt zu sein. Mein Blick ist schärfer als zuvor. Ich nehme Details wahr, die mir bislang völlig entgangen waren. Vereinsamte Tautropfen, die wegen der vorangeschrittenen Stunde kurz vorm Vertrocknen an den ersten zaghaften Blattansätzen hängen. Der facettenreichen Tanz von Licht und Schatten, der mit den Bewegungen zarter Windböen im Geäst spielt. 

 

Ich weiß nicht, wie lange ich da gesessen habe, versunken mit dem inneren Blick nach außen, umhüllt von Frühlingswärme und hinabgetaucht in Metaphysik. Eine kleine Bewegung neben mir ließ mich aufschrecken. Rose hatte ihren Kopf zu mir gedreht und schaute mich mit liebevollen Augen lächelnd an: „Schön. Nun hast du auch den Frühling begrüßt.“

 

Cordula Roemer

Dipl. Pädagogin, Coach, Autorin, Weiterbildnerin

 

 

 

Bild zur Meldung: © GAIMARD, Pixabay