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Mein Gnadenstein

Es ist sieben Uhr, schnell noch eine Runde durch den Wald. Ich betrachte mich im Spiegel. Der Daumen zeigt nach oben. Mein Bike wartet in der Garage auf mich, wie jeden Morgen. Meine neuen Sportkopfhörer liegen in der Schale auf dem Kamin bereit. Ich setze sie auf und schnappe mir mein neues Crossbike, mein ganzer Stolz. Aus den Kopfhörern dröhnt schon Nick Cave mit meinem Lieblingssong The Mercy Seat.

 

Ich bin bereit für den perfekten Tag! Zum Warm-Up wähle ich eine Strecke mit leichtem Anstieg. Plötzlich eine Frau mit Hund mitten auf dem Weg. Ich fluche, sie springt erschrocken zur Seite und ruft panisch nach ihrem Hund.

 

Ah, da ist er endlich, mein Weg entlang des Flusses, ich gebe Vollgas und schaue auf mein Tachometer. Wie geil, heute knacke ich die 40!

 

Ein kurzer Blick nach vorne sagt mir, dass ich mich nun links halten muss. Da vorne, einfach zwischen den Büschen durch. Mein Bike nimmt Fahrt auf. Es geht steil hinunter zwischen Gestrüpp und sonstigem Geäst. Ich habe die Wege verlassen, war mir zu viel Volk unterwegs. Plötzlich springt ein Reh mit seinem Kitz aus dem Gebüsch. Für einen kurzen Moment bin ich irritiert. 

 

Nun kommt er, der Anstieg. Der Weg führt steil in die Höhe und scheint sich im Himmel zu verlieren. Ich bin schon fast oben angekommen, als mich ein Schmerz durchfährt, stechend und gnadenlos. Mein Brustkorb schnürt sich zusammen und ich bekomme keine Luft mehr.

Vor mir bäumt sich eine Wurzel auf. Ich hatte sie nicht bemerkt.  Ich fluche, schon wieder! Ich falle und mir wird schwarz vor Augen. Ich kann nichts mehr sehen. Ich spüre den Atem eines Hundes über mir. Die Musik dröhnt noch immer in meinen Ohren. Sie ist lästig geworden. Ich möchte, dass sie aufhört, aber ich kann mich nicht bewegen. In der Ferne ertönt ein Martinshorn.


Mein Leben hat sich seit diesem Augenblick komplett verändert. Heute sitze ich auf einem Stein, atme die Würze des Waldes tief ein und beobachte meine fünfjährige Tochter, wie sie den Waldboden erforscht und jedem Insekt einen Namen gibt.

 

Wir sind gute Freunde geworden, der Stein und ich. Ich nenne ihn meinen Gnadenstein. Ich genieße diese Stille und die letzten Sonnenstrahlen des Tages und blicke in den Himmel. Ich hatte Glück gehabt. Der Wald war gnädig zu mir gewesen. Er gab mir eine zweite Chance.


Es ist spät geworden. In der Ferne höre ich das Klappern von Geschirr und den Ruf meines Mannes: “Schatz, es wird langsam frisch da draußen und das Essen steht bald auf dem Tisch, soll ich dich jetzt reinholen…“

 

Diese Erzählung basiert auf einer wahren Geschichte. Ich lade dazu ein, ganz in das Geschehen einzutauchen, mögliche Parallelen zum eigenen Leben zu entdecken und die Reise der Protagonistin gedanklich fortzusetzen... 

 

Gabriele Oppermann

 

 

Bild zur Meldung: © Ryan Moreno auf Unsplash

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