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Die etwas andere Allergie

Ich habe keine Allergien im klassischen Sinne. Und doch kommt mein derzeitiger Zustand der einer allergischen Reaktion sehr nah. Eine Allergie ist eine überschießende Reaktion der körpereigenen Abwehr auf Substanzen, die eigentlich harmlos sind. In meinem Falle reagiert meine Seele über. Und zwar auf zwei ganz harmlose, und mir sehr zugewandte Lebewesen: meinen Mann und mein Kind. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe meine Familie. Man könnte sagen, sie sind mir unter normalen Umständen das Wichtigste in meinem Leben.

 

Aber normale Umstände gibt es nicht mehr seit einem Jahr. Unser Leben hat sich um viele Grade gedreht. Für mich persönlich bedeutete das bisher vor allem, so viel Zeit wie noch nie mit meinem Mann und meinem Kind zu Hause zu verbringen. Im ersten Lockdown fand ich das großartig. Ich habe es total genossen, Familienzeit, Entschleunigung, neue Rituale. Deswegen war ich auch gar nicht gefrustet, als es hieß „Lockdown Nr. 2“. Doch der erwies sich als vollkommen andere Erfahrung. Es war kalter Winter, das Haus zu verlassen war selten eine gute Option. Die emotionalen Highlights am Jahresende fielen auch flach. Und ich? Wurde zunehmend gereizter. Weil ich dieses ständige „Herden-Dasein“ immer schlechter abkonnte.


 

Ich war schon immer ein Mensch, der regelmäßig Zeit für sich allein braucht, um gut im Gleichgewicht zu sein. Diesem Bedürfnis kann ich seit Monaten nicht gerecht werden. Entweder ich bin zu Hause mit Menschen. Oder ich arbeite mit Klienten. Zwischenzeitlich war ich so überreizt, dass ich schon ausrasten wollte, als sich mein Kind auf der Couch neben mich legte. Oder mein Mann sich im Flur an mir vorbei drängelte. Schlagartig wollte ich ein „Geh weg!“ in die Welt niesen. Aber ich beherrschte mich, denn die beiden können nichts dafür. Die Birkenpolle meint es ja auch nicht persönlich. Trotzdem spürten meine zwei, dass ich eigentlich gern allein sein wollte. Das machte mir ein schlechtes Gewissen. Und das machte mich noch dünnhäutiger. Und das ließ mich wiederum noch „allergischer“ auf meine Lieben reagieren. Ein Teufelskreis. Meditation, Supervision, Schreiben…nichts half.

 

Doch schließlich fand ich meine Antihistamine: CBD-Öl, abendliches Baden, Gruselfilme, Spaziergänge durch Brandenburg an der Havel. Klingt vielleicht etwas schräg, hilft aber. Eine Erfahrung, die ich sehr oft in meinen Coachings gemacht habe: Ungewöhnliche Belastungen erfordern manchmal ungewöhnliche Maßnahmen. Deswegen: Tu dir so weit es nur geht gut in dieser verrückten Zeit, ob unspektakulär oder schräg. Wir alle haben jedes Recht darauf. Haltet durch, ihr Lieben!

 

Julia Berger

 

 

Bild zur Meldung: CDC auf Unsplash.com

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