Verzichten oder nicht verzichten?

Die Fastenzeit hat begonnen. Eine Zeit, der ich mich normalerweise gern und bewusst verschreibe. Ich halte es dabei nicht streng christlich, sondern wähle frei ein, zwei Dinge, auf die ich in der Fastenzeit verzichte. Meist sind es Süßigkeiten und Alkohol, aber auch Fleisch, Fernsehen und das Internet waren schon mit dabei. Doch dieses Jahr fällt es mir extrem schwer, den Entschluss zum Verzicht zu fassen, geschweige denn durchzusetzen. Warum? Die Antwort liegt auf der Hand - Corona und alle damit einhergehenden Folgeerscheinungen fordern seit einem Jahr Verzicht von uns. Verzicht auf unbeschwerte soziale Kontakte, auf Live-Veranstaltungen, Ausflüge und Reisen, auf Planungssicherheit, auf Privatsphäre in Familien. In den schlimmsten Fällen fordern sie die finanzielle Existenz oder die Gesundheit. Kein Wunder also, dass ich keine einzige der mir noch verbliebenen Annehmlichkeiten freiwillig hergeben möchte. Mit irgendwas muss man sich ja - gerade in diesen Zeiten - belohnen.


Nein, ich will meine Schoki dieses Jahr nicht hergeben, und auch nicht meinen Rotwein oder meine Nudeln mit Filetspitzen. Ich lass auch bestimmt nicht meine Lieblingsserie weg, die mir zuverlässig ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Nein, dieses Jahr gebe ich mir selbst die vollste Erlaubnis, auf diese Art des Verzichts zu verzichten.

Und doch gibt es etwas, das ich in den nächsten Wochen drastisch reduzieren werde: Mich der medialen Nachrichten-Flut auszusetzen. Seit Monaten fühle ich mich weniger informiert als irritiert und aufgehetzt durch die Nachrichten. Und doch ist es wie bei jeder schlimmen Katastrophe, die die Medien in Endlosschleife durchhecheln: Man guckt und liest doch immer wieder. Weil es so schrecklich ist. Oder weil der Kontrollverlust ein kleines bisschen besser zu ertragen ist, wenn man - vermeintlich - auf dem neuesten Stand der Informationen steht.

Natürlich muss man in diesen Zeiten tatsächlich immer wieder mal auf die neuesten Infos schauen. Ich will ja nicht den Moment verpassen, an dem mein Kind endlich wieder in die Schule darf, oder ich mich endlich wieder von meiner Haarmatte befreien lassen kann. Aber ich habe die Wahl, ob ich die Medienwelt wie ein unbedachter Fastfood-Esser konsumiere: an jeder Ecke, ohne Qualitätskontrollen, ohne ein reales Bedürfnis dahinter. Oder eben doch ganz bewusst, streng nach Bedarf ausgerichtet, nicht in der Boulevard-Ecke oder bei den “Infokriegern". Das Vorhaben lautet: Ich schaue und lese keine Nachrichten zum Aufstehen oder Zubettgehen, und generell nur ein- bis zweimal am Tag, so sachlich wie möglich. Stattdessen höre ich lieber einen inspirierenden Podcast mehr. Versorge mich mit guter Literatur. Schreibe vielleicht selber wieder mehr. Suche die Frühlingsboten in der Natur. Ich weiß jetzt schon - meine Seele wird es mir danken.

Eine schöne Fastenzeit!

 

Julia Berger

 

 

 

Bild zur Meldung: © Julia Berger

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